Interview mit Jo De Clercq  – Teil 3: Was hilft dem Gehirn von Menschen mit Demenz konkret?

In Teil eins und Teil zwei dieses Interviews haben wir besprochen, warum Unruhe entsteht und wie wir das Gehirn von Menschen mit Demenz unterstützen können. Im letzten Teil der Trilogie spricht Jo De Clercq über eine konkrete Lösung: das Schaukeln.

Schaukeln wirkt 

Schaukeln ist eine effektive Methode, um die primären körperlichen Sinneskanäle zu stimulieren, erklärt Jo De Clercq. Während der Einführung des ZEN-Pflegesessels – eines wohnlichen Sitzmöbels mit automatischer Schaukelbewegung – kam er mit Fitform in Kontakt. Es folgte ein erfolgreiches Pilotprojekt im Wohnpflegezentrum De Wingerd in B-Leuven, einer der fünf Einrichtungen des Woonzorgnet-Dijleland. Inzwischen stehen in Leuven drei dieser ZEN-Pflegesessel.

Zur Funktionsweise sagt er:

„Wenn sich der ZEN-Pflegesessel in der Kippstellung befindet, sorgt die Schwerkraft zunächst dafür, dass der Körper gut mit der Rückseite Kontakt aufnimmt. Dieses Druckgefühl stimuliert sowohl die Oberflächensensibilität über die Haut als auch die Tiefensensibilität über Muskeln und Gelenke.

Darüber hinaus trägt die Schwerkraft aus dieser Haltung heraus zu einem stabilen, sicheren Gefühl bei, das das Gleichgewichtsorgan beruhigt. Zusätzlich wirkt die rhythmische Vorhersehbarkeit der automatischen Schaukelbewegung.

Dies bietet eine zusätzliche sensorische Stimulation für die primären körperlichen Kanäle – nicht nur über Haut, Muskeln und Gelenke, sondern auch über das Gleichgewichtsorgan – um das körperliche Selbstbewusstsein und damit das Körperbewusstsein weiter zu fördern.“

Sehr wichtig für Menschen mit Demenz ist zudem die rhythmische Vorhersehbarkeit in Geschwindigkeit und Amplitude der elektrischen Schaukelbewegung, erklärt Jo De Clercq weiter.

„Das Schaukeln darf keinesfalls als unvorhersehbar, plötzlich oder unkontrollierbar empfunden werden. Durch die Vorhersehbarkeit nimmt eine Person ihren Körper physisch und mental konkreter und geborgener wahr – durch ein verstärktes Körpergefühl, Körperschema, Körperstellungssinn und körperliches Selbstbewusstsein. Das führt – etwa in einer sensorisch überladenen Umgebung – zu einem Gefühl von Kontrolle und Gewalt über den eigenen Körper. Muskelspannung und Unruhe als Ausdrucksverhalten nehmen dabei häufig sofort spürbar ab.“

24-Stunden-Ansatz 

Der Einsatz eines ZEN-Pflegesessels kann Teil einer sensomotorischen Integrationstherapie im Rahmen eines 24-Stunden-Ansatzes sein.

„Ein Mensch hat 24 Stunden am Tag eine bestimmte Ausprägung von Demenz. Deshalb ist es wichtig, diesen sensomotorischen Ansatz in verschiedenen Teilbereichen der Komfortpflege durchzuziehen. Aus diesem Grund prüfen wir derzeit die Möglichkeiten, auch jedes Bett mit einer automatischen Schaukelbewegung auszustatten. Die Erfahrungen mit dem ZEN-Pflegesessel haben mich auf diese Idee gebracht. Wir wollen diese Herangehensweise und ihre Ergebnisse also nicht nur auf den Sitzkomfort beschränken.“

Um die Wirkung des ZEN-Pflegesessels zu optimieren, empfiehlt Jo De Clercq, ihn an einem sensorisch strategisch geeigneten Ort im Raum zu platzieren – dort, wo eine hohe sensorische Vorhersehbarkeit herrscht oder wo ohnehin weniger sensorische Belastung vorhanden ist.

„Was man hört, sollte man idealerweise auch sehen können. So kommen auditive und visuelle Reize kongruent im Gehirn an, was deren Verarbeitung erleichtert und eher zur Ruhe als zur Unruhe führt.“

Er betont zudem, dass der Sessel in jeder Phase der Demenz einsetzbar ist.

„Auch wenn Menschen mit fortgeschrittener Demenz nicht mehr gehen oder stehen können, ermöglicht der ZEN-Pflegesessel eine sensorisch informierte Positionierung.“

Experiment

Als Innovator prüft der flämische Demenzexperte laufend neue Anwendungen, um das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz zu verbessern. Aktuell läuft ein weiteres Projekt, bei dem die Person im ZEN-Pflegesessel mit der Gewichtsdecke Sens-Aid umhüllt oder „umarmt“ wird.

„Ziel ist es, die primären körperlichen Sinne noch intensiver zu stimulieren – für eine rhythmische, stabilisierte und sensorisch informierte Positionierung.“

Fazit

Schaukeln erweist sich als wirksame Methode zur Förderung des Körperbewusstseins – und damit zur Reduzierung von Unruhe. Entwicklungen wie der ZEN-Pflegesessel spielen dabei eine bedeutende Rolle. Indem wir das Gehirn gezielt unterstützen, können wir das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz spürbar verbessern.

Jo De Clercq ist Experte für Komfortpflege und Pflegeinnovation mit einem speziellen Fokus auf Demenz. Seit 2002 ist er in der flämischen Altenpflege tätig. Bis 2021 war er direkt auf der Station aktiv und betreute Menschen mit Demenz mit Pflege und Therapie. Heute arbeitet er in einer übergreifenden und beratenden Funktion für das Woonzorgnet-Dijleland, zu dem die Pflegeheime De Wingerd, Dijlehof und Burenhof in Leuven, Ter Meeren in Neerijse und Keyhof in Huldenberg gehören. Darüber hinaus ist er als selbstständiger Unternehmer tätig – als freiberuflicher Dozent, (inter)nationaler Referent und Produktberater.

Jo De Clercq