Interview mit Jo De Clercq – Teil 2: Wie können wir das Gehirn von Menschen mit Demenz unterstützen?

Im ersten Teil des Interviews mit Jo De Clercq haben wir erfahren, woher die Unruhe bei Menschen mit Demenz kommt. Die nächste Frage lautet: Wie können wir das Gehirn von Menschen mit Demenz unterstützen? Im zweiten Teil dieser dreiteiligen Reihe erklärt Jo De Clercq, dass das Gehirn bei Demenz anders funktioniert – und wie wir durch gezielte sensorische Reize das Gefühl von Körperbewusstsein verbessern können.

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Stärkung des Körperbewusstseins

Wie lässt sich das Gefühl von Körperbewusstsein bei Menschen mit Demenz fördern? Laut Jo De Clercq spielt die gezielte Stimulation primärer körperlicher Sinnesreize – über Haut, Muskeln, Gelenke und das Gleichgewichtsorgan – dabei eine entscheidende Rolle. Ergänzend dazu kann die Reduktion sekundärer räumlicher Sinnesreize hilfreich sein.

Wenn diese sensorische Stimulation und Reduktion nicht im richtigen Verhältnis stehen, sucht die betroffene Person (unbewusst) selbst nach einem Ausgleich. Das Gehirn „verlangt“ danach. Dies äußert sich beispielsweise durch:

  • Umherwandern und zielloses Umhergehen
  • Ständig erhöhte Muskelspannung (gekräuselte Stirn, geballte Fäuste oder fötale Körperhaltung)

„Dieses Verhalten ist nur für das Umfeld ein Problem. Die Betroffenen selbst empfinden es nicht als problematisch – für sie handelt es sich um notwendiges ausdrucksbezogenes Verhalten, das von einem anders funktionierenden Gehirn mit anderen Bedürfnissen gesteuert wird. Die Person mit Demenz signalisiert: Ich habe ein andersartiges sensorisches Bedürfnis, und wenn du mir das nicht angepasst anbietest, muss ich es selbst erzeugen, um meinem Gehirn gerecht zu werden.“

Sensorische Reizverarbeitung

Bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz ist die Stimulation der primären körperlichen Sinne notwendig, um ein Gefühl des Körperbewusstseins aufzubauen. Erst dann kann das Gehirn auch auf sekundäre, räumliche Reize reagieren – Hören wird zu Zuhören, Sehen zu bewusstem Wahrnehmen. So wird eine andere Art der Verbindung möglich.

Wenn die sekundären räumlichen Sinnesreize überwiegen, ist dies problematisch für das Körperbewusstsein und kann Unruhe verursachen.

Fazit

Das Gefühl von Körperbewusstsein spielt eine wichtige Rolle für das Befinden und Verhalten von Menschen mit Demenz. Um es positiv zu beeinflussen, ist die gezielte Stimulation von Haut, Muskeln, Gelenken und dem Gleichgewichtsorgan essenziell. Im dritten Teil gehen wir näher darauf ein, was dem Gehirn von Menschen mit Demenz konkret helfen kann.

Jo De Clercq ist Experte für Komfortpflege und Pflegeinnovation mit einem speziellen Fokus auf Demenz. Seit 2002 ist er in der flämischen Altenpflege tätig. Bis 2021 war er direkt auf der Station aktiv und betreute Menschen mit Demenz mit Pflege und Therapie. Heute arbeitet er in einer übergreifenden und beratenden Funktion für das Woonzorgnet-Dijleland, zu dem die Pflegeheime De Wingerd, Dijlehof und Burenhof in Leuven, Ter Meeren in Neerijse und Keyhof in Huldenberg gehören. Darüber hinaus ist er als selbstständiger Unternehmer tätig – als freiberuflicher Dozent, (inter)nationaler Referent und Produktberater.

Jo De Clercq