Interview mit Jo De Clercq – Teil 1: Warum zeigen Menschen mit Demenz Unruhe?

Menschen mit Demenz zeigen häufig unruhiges Verhalten. Doch warum sehen wir diese Unruhe? In diesem ersten Teil einer dreiteiligen Serie erklärt Jo De Clercq, Experte für Komfortpflege bei Demenz, die neurologischen Ursachen für Unruhe bei Demenz. Er beschreibt, wie sich das Gehirn verändert und warum dies zu Verhaltensweisen führt, die für das Umfeld oft schwer zu verstehen sind.

Veränderungen im Gehirn bei Demenz

Demenz verursacht tiefgreifende Schädigungen des Gehirns. Dies wirkt sich auf das Gedächtnis, auf das Erkennen, aber auch auf die Art und Weise aus, wie Informationen und Reize verarbeitet werden. Letztlich beeinflusst dies die gesamte Wahrnehmung der Welt durch die betroffene Person.

Demenz – mehr als nur ein geistiger Abbau

Demenz wird meist mit kognitiven Einschränkungen in Verbindung gebracht, wie z. B.:

  • Desorientierung in Zeit und Raum
  • Nicht-Erinnern und Nichterkennen
  • Verändertes Verhalten.

Dass diese neurologische Erkrankung auch mit motorischen und sensorischen Verlusten einhergeht, wird oft übersehen. Im zweiten Teil erklärt Jo De Clercq, warum ein ausgewogenes Verhältnis verschiedener sensorischer Reize dazu beitragen kann, Unruhe zu reduzieren. Im dritten Teil zeigt er, welche positive Rolle das Schaukeln – beispielsweise im ZEN-Pflegesessel – dabei spielen kann.

Hersenen met stethoscoop

Mitgehen statt Konfrontieren

Eine Person mit Demenz ist sowohl mental als auch körperlich mit Verlust konfrontiert, beginnt De Clercq.

„Wenn Rehabilitieren, Aktivieren und die Aufrechterhaltung früherer Fähigkeiten nicht mehr möglich sind, muss man als Pflegekraft diesen Prozess begleiten, anstatt dagegen anzukämpfen. Nicht ständig mit dem Verlust konfrontieren, sondern die verbleibende Autonomie so weit wie möglich erhalten. Nur dort übernehmen, wo es unbedingt notwendig ist – mit gezielter, geborgener Unterstützung.“

Ein wichtiges Prinzip bei fortgeschrittener Demenz ist für ihn die Komfortpflege-Vision. Diese legt den Fokus auf das Respektieren der Passivität der betroffenen Person, die Optimierung der verbleibenden Ressourcen sowie die Förderung von Komfort, Autonomie, Würde und persönlicher Ausstrahlung.

De Clercq orientiert sich am Modell des „Golden Circle“ von Simon Sinek: Why – How – What. Warum sehen wir bestimmtes Verhalten? Wenn wir dieses verstehen, wissen wir, wie wir dem Gehirn anders begegnen müssen und was dafür konkret an spezifischer Pflegeumgebung notwendig ist.

Bei fortgeschrittener Demenz wird das rationale Denken zunehmend reduziert – das sensorische und emotionale Gehirn tritt in den Vordergrund. Menschen mit Demenz leben dadurch verstärkt im konkreten Jetzt. Das Gehirn funktioniert weiterhin, aber anders – auf einer anderen Ebene. Daher ist ein verändertes Herangehen notwendig, um das verbliebene Potenzial zu nutzen.

Reduziertes Körperbewusstsein

Verhaltenssignale von Menschen mit Demenz können auch durch eine gestörte sensorische Reizverarbeitung in Bezug auf das Körpergefühl und die Körperstellung verursacht werden. Dies betrifft das sogenannte Körperschema – das Wissen, die Erfahrung und die Vorstellung vom eigenen Körper. Es entsteht ein vermindertes Körperbewusstsein, was dazu führt, dass sich Betroffene buchstäblich weniger als Eigentümer ihres Körpers fühlen.

Diese Störung wird durch Demenz verursacht – durch die mangelnde Verarbeitung und Koordination verschiedener körperlicher und räumlicher Sinnesreize. Dies führt zu motorischen Auffälligkeiten wie Paratonie (erhöhter Muskeltonus bei passiven Bewegungen). Wir sprechen hier von sensomotorischer Desintegration.

„Dieses reduzierte Empfinden führt zu einem Verlust motorischer Fähigkeiten. Menschen mit Demenz fühlen sich dadurch unsicher, besonders in großen oder sensorisch überfordernden Räumen. Sie verlieren ihre Bodenhaftung und verfallen schneller in Fight-, Freeze- oder Flight-Reaktion – Verhaltensweisen, die oft schwer einzuordnen sind. Dabei wollen sie mit diesem Verhalten signalisieren, dass die Umgebung für ihr Gehirn nicht passend ist.“

Man met dementie kijkt in spiegel.

Fazit

Unruhe bei Demenz entsteht also durch Veränderungen in der Verarbeitung sensorischer Reize in Verbindung mit Körpergefühl und Körperwahrnehmung. Im zweiten Teil geht es um die Frage: Wie können wir das Gehirn von Menschen mit Demenz besser unterstützen?

Jo De Clercq ist Experte für Komfortpflege und Pflegeinnovation mit einem speziellen Fokus auf Demenz. Seit 2002 ist er in der flämischen Altenpflege tätig. Bis 2021 war er direkt auf der Station aktiv und betreute Menschen mit Demenz mit Pflege und Therapie. Heute arbeitet er in einer übergreifenden und beratenden Funktion für das Woonzorgnet-Dijleland, zu dem die Pflegeheime De Wingerd, Dijlehof und Burenhof in Leuven, Ter Meeren in Neerijse und Keyhof in Huldenberg gehören. Darüber hinaus ist er als selbstständiger Unternehmer tätig – als freiberuflicher Dozent, (inter)nationaler Referent und Produktberater.

Jo De Clercq